Adalbert Reif: Wimpernloses Sehen.
Ein Gespräch mit Péter Nádas

Seit seinem 1986 in Ungarn erschienenen großen Roman »Buch der Erinnerung« gehört Péter Nádas zu den ungarischen Gegenwartsautoren von europäischem Rang. Bereits in den Anfangsjahren seiner schriftstellerischen Tätigkeit beschäftigte er sich, teils professionell, teils aus Ehrgeiz, auch mit Fotografie – ihr ist er auf »kontemplative Weise« bis heute verfallen. Im Laufe der Zeit entstanden so mehrere tausend Bilder.

Reif Herr Nádas, im Abstand von nur wenigen Jahren haben Sie zwei umfangreiche Fotobände vorgelegt, die einen Teil Ihrer Aufnahmen aus einem Zeitraum von vier Jahr- zehnten umfassen: »Etwas Licht« und »Der eigene Tod«. Sie sind damit zu Ihrem ersten erlernten Beruf als Fotograf zurückgekehrt.

Nádas In der Tat habe ich meine berufliche Laufbahn als Fotograf begonnen. Eigentlich stammt die Idee, ich solle Fotograf werden, von meiner Tante. Nach dem Tod meines Vaters stellte sich nämlich die Frage, was man mit »diesem Jungen« machen könne, der nicht bereit sei zu lernen – »vielleicht ist er zu dumm« –, um seine Reifeprüfung abzulegen. Da es in der Familie und im Bekanntenkreis viele großartige Fotografen gab, lag es gewissermaßen auf der Hand, dass ich Fotograf wurde.

1958 begann meine Ausbildung. Doch schon in meinem elften oder zwölften Lebensjahr hatte ich angefangen, literarische Texte zu schreiben. Und so ging der Gedanke, Fotograf zu werden, einher mit Überlegungen, auf welche Weise ich es bewerkstelligen könnte, zu einer Zeitung und somit zum Schreiben zu kommen: Fotografieren – Zeitung – Schreiben, lautete meine Strategie.

Aber als ich dann schließlich zur Zeitung kam, war meine erste längere Novelle bereits veröffentlicht und hatte ziemliches Aufsehen erregt. Deshalb war es nicht allzu schwer, bei einer Zeitungsredaktion eingestellt zu werden. Gleichzeitig jedoch war es für mich eine recht dramatische Erkenntnis, festzustellen, dass es etwas ganz anderes bedeutet, einen literarischen Text zu schreiben oder einen journalistischen Beitrag. Jede dieser beiden Text- sorten erfordert eine völlig andere Herangehensweise. Und obwohl ich eine Journalisten- schule besucht und dann auch in einer Redaktion gearbeitet hatte, erwiesen sich die Unterschiede zwischen literarischem und journalistischem Schreiben doch als zu groß, als dass ich sie hätte überbrücken können.

Reif Inwieweit aber hat die Fotografie Ihre Arbeit als Schriftsteller beeinflusst?

Nádas Ich trenne beide Professionen streng voneinander, und für meine schriftstellerische Arbeit brauche ich das Fotografieren nicht. Es gibt so viele wunderbare Bilder, die ich dazu verwenden kann. Mein Schreibtisch ist voller Fotografien. Aber darunter befindet sich keine, die von mir stammt. Die Verbindung zwischen dem Fotografieren und meiner literarischen Arbeit besteht eher darin, dass das Fotografieren zweifellos meinen Blick geschärft hat. Sicher aber bin ich kein geborener Fotograf. Jemand, der gewissermaßen als Fotograf auf Welt kommt, hält aus professioneller Leidenschaft alles, was möglich ist, im Bild fest. Zwar habe ich eine Ausbildung und ein Praktikum als Pressefotograf absolviert. Aber ich war kein guter Pressefotograf: Was von mir erwartet wurde, hat mich nie interessiert. Es war mir immer höchst unangenehm, die Menschen auftragsgemäß zum Lachen zu bringen, um sie »positiv« oder »optimistisch« abzubilden. Bis heute fällt es mir schwer, meinen Apparat aus der Tasche zu holen, und es verursacht mir eine beträchtliche psychische Belastung, aus dem Augenblick heraus jemandes Gesicht zu fotografieren. Ein Vorgehen, wie es im Pressewesen üblich ist, liegt mir nicht. Auch haben mich die raffinierten technischen Möglichkeiten, die den professionellen Fotografen zur Verfügung stehen, nie interessiert.

Reif Was motiviert Sie denn dann, zum Fotoapparat zu greifen?

Nádas Es gibt Lichtverhältnisse, die mich wirklich berühren und denen ich mich nicht entziehen kann. Wenn es sich um ein menschliches Gesicht handelt, dann muss ein komple- xer Zusammenhang zwischen Licht, Gesicht, Person und auch mir selbst bestehen, das heißt, das mechanische Moment der Fotografie muss ebenso ausgeschaltet sein wie das literarische Interesse, und es muss eher ein sinnlicher, erotischer Grundzug gegeben sein. Das hat dann etwas mit der Person, mit meiner Person und mit den Lichtverhältnissen zu tun, die nicht von mir, also nicht in einem Atelier geschaffen werden, sondern dem Zufall des Augenblicks überlassen bleiben.

Reif Haben Sie manchmal den Eindruck, dass die Überflutung mit Bildern, der wir in steigendem Maße ausgesetzt sind, das Erfassen der einzelnen Bilder und damit auch das Nachdenken über sie erschwert?

Nádas Nein, solche intellektuellen Thesen haben mit der Realität des menschlichen Gehirns nicht viel zu tun. Die Aufnahmefähigkeit des Gehirns übersteigt um ein Vielfaches das, was man an Bildeindrücken im Laufe eines Lebens tatsächlich aufnimmt. Was man einmal gesehen hat, behält man im Gedächtnis.

Eine andere Frage ist freilich, ob man die Erinnerung daran aktivieren kann oder nicht, was auch vom Lebensalter eines Menschen abhängt. Wir haben es hier durchaus mit einer nicht konstanten Gegebenheit zu tun. Aber grundsätzlich bleiben die einmal aufgenommenen Bilder im Gehirn gespeichert.

Gerade für einen Fotografen ist der Prozess des Festhaltens von Bildern ein vielschichtiger. Wer sich intensiv mit einem Gesicht beschäftigt, den lässt es nicht mehr los. Es kommt ihm nahe wie das Gesicht des eigenen Bruders und gehört von diesem Augenblick an zum Reservoir an Bildern. Wenn ich einen Menschen fotografiert hatte und ihm später irgendwo zufällig wieder begegnete, dann erzeugte das in mir ein Gefühl freudiger Überraschung und häufig begrüßte ich ihn dann in der irrigen Annahme, auch er würde mich wieder erkennen.

Reif Leben wir in einer Welt der Bilder oder leben wir in einer Welt der Worte?

Nádas Das ist eine historische Frage, geht sie doch davon aus, dass wir einmal in einer Welt der Worte gelebt haben, während wir heute in einer Epoche der Bilder leben. Meiner Ansicht nach leben wir an der Grenze zwischen Wort und Bild. Aus anthropologischer Sicht lassen sich Bewusstseinsinhalte in eine archaische, eine magische, eine mythische und eine mentale Epoche unterscheiden. Danach wäre die mentale Epoche mit dem Buch, mit dem Geschriebenen, verbunden, die mythologische mit dem Erzählten, dem Mündlichen, und die magische mit Magie. Der Magier ist eine Person, die fähig ist, Bilder hervorzurufen.

Mir scheint, dass wir heute in gewisser Weise von der mentalen zur magischen Epoche zurückkehren und uns deswegen für Personen begeistern, die, so wie Popsänger auf über- dimensionaler Bühne erscheinen, ebenso überdimensional auf eine Bildfläche projiziert werden, wobei unklar bleibt, aus welcher Zeit diese Projektion stammt und ob die Stimme, die wir hören, das gerade Gesungene wiedergibt oder nicht schon vorproduziert wurde. Auch Fußballspieler oder Boxer zählen zu diesen »Magiern«, die letzten Endes etwas Nicht- existentes aufzuzeigen scheinen. Bilder und Emotionen sind hier – ohne Worte – direkt miteinander verbunden. Dennoch hat die Epoche sozusagen parallel auch die Worte bei- behalten. Wie die beiden in Zukunft miteinander auskommen werden, lässt sich noch nicht absehen. Für die Bewusstseinsinhalte ist diese neue Verbindung von Bild und Wort von zentraler Bedeutung.

Reif Was hat Sie nun nach Jahren der literarischen Arbeit bewogen, Ihre alten Fotografien hervorzuholen?

Nádas Ich besitze eine sehr große Menge an Negativen. Bei weitem nicht alles, was ich während der vergangenen vierzig Jahre fotografierte, habe ich gleich entwickelt. Ich weiß nicht, worauf ich gewartet habe. Vielleicht war ich schlicht zu faul, von den vielen Negativen Abzüge zu machen. Vor einiger Zeit kam mir der Gedanke, diese Negative einmal durch- zusehen und auszuwählen, was ich nach so vielen Jahren und Jahrzehnten noch für wichtig oder interessant halte.

Reif Nach welchen künstlerischen oder historischen Kriterien haben Sie die Aufnahmen ausgewählt?

Nádas Das war ein langer Prozess. Vier Jahre lang begab ich mich fast jeden Abend in die Dunkelkammer und entwickelte Unmengen von Bildern. Der Vorgang hatte seine eigene Atmosphäre: Man ist allein, man hört vielleicht Musik, man ist befasst mit einem Gesicht oder mit einer Landschaft, die vor vierzig, dreißig oder zwanzig Jahren aufgenommen wurde, man ist beschäftigt mit den Lichtverhältnissen, mit den Proportionen, mit der Komposition eines Bildes, also mit sehr vielen konkreten Einzelheiten – und eben auch mit der eigenen Vergangenheit.

Natürlich ist diese Tätigkeit nicht zuletzt ein Vorgang des Erinnerns: Wie ich das Bild aufgenommen habe, warum ich es aufgenommen habe, wie ich dazu kam, in welcher Landschaft, in welchem Dorf, in welcher Stadt es geschah. Dieser Vorgang des Wiederfindens war letztlich auch ein Auswahlkriterium. Denn während der Arbeit im Labor, während des Entwickelns, der Vergrößerung der Bilder sah ich aus einer gewissen Perspektive meine Heimat und mein eigenes Leben an mir vorüberziehen. Insofern sind die Bilder von »Etwas Licht« auch eine Art von Autobiografie.

Reif Manche Ihrer Aufnahmen, besonders wenn es sich um Szenen eines Ortes handelt, zeichnen sich durch eine ungemein dichte Atmosphäre aus: Man vermeint, die Geräusche und Gerüche einer Straße oder eines Platzes wahrzunehmen. Von daher bieten viele Ihrer Bilder Raum zum fantasievollen Nachdenken, zum Weiterdenken. Es sind epische Bilder, Bilder, die erzählen...

Nádas Meine Bilder halten nur einen bestimmten Augenblick fest. Ihre Atmosphäre geht eindeutig auf die ungarische Schule der Fotografie zurück. Es gibt sie, diese Schule. Man kennt zwar die großen Namen, nicht aber die Quelle. Man kennt André Kertész, aber nicht Rudolf Balogh, man kennt Brassai, aber nicht Károly Escher, man kennt Robert Capa, aber nicht Kata Kálmán. Man kennt die Fotografen, die Ungarn verlassen haben, aber nicht die, die in Ungarn geblieben sind.

Ich wollte mit meinen Bildern etwas über eine unbekannte Welt erzählen, die inzwischen untergegangen ist. Darüber hinaus erzähle ich noch etwas sehr Persönliches: Wie ich vom menschlichen Gesicht zu Gegenständen gekommen bin. Wie meine Bilder nach einer Weile die Menschen verließen und nur mehr Landschaften und Gegenstände beziehungsweise nur Licht und Schatten festhielten.

Reif Gerade dieses Spiel der Schatten lässt die Bilder so melancholisch wirken. Empfinden Sie Sehnsucht nach der Vergangenheit, wenn Sie die Bilder heute betrachten?

Nádas Ohne es selbst zu merken, bin ich bis an die Grenze des Möglichen gegangen. Fast alle meine Bilder sind sehr dunkel. Ich wollte ins Schwarze hinein. Das hat sehr viel mit der Welt der Diktatur zu tun, in der ich lebte. Wenn es mir nicht gelingt, diese Schwärze zu durchdringen, dann heißt das, dass ich mein eigenes Leben nicht sehe. In der Diktatur haben die Verhältnisse von Licht und Schatten ihre Eigenheiten. Ich musste diese Dunkelheit durch- dringen.

Mit Melancholie hat das nichts zu tun. Es ist eher eine Realität der Vormoderne, das heißt, die Realität einer Welt, die von der Moderne noch nicht umgestaltet wurde. Meine Bilder beinhalten keine Melancholie, keine Nostalgie, sie verlieren sich nicht in einer Sehnsucht nach der Vergangenheit. Vielmehr stellen sie eine Welt dar, die noch vorhanden ist und in der die Modernisierung noch nicht in einem mit dem Westen auch nur halbwegs vergleich- baren Maße stattgefunden hat. Was mich interessierte, war jedoch nicht dieser vormoderne Zustand. Mir kam es auf das Durchdringen der Dunkelheit an, die mich von der übrigen Welt trennt.

Reif Würden Sie dieses »Durchdringen der Dunkelheit« als ein Grundmuster Ihrer Fotografie bezeichnen? Wenn ich etwa an Ihre wunderbaren Bilder von Bäumen denke...

Nádas Ein Baum ist ein Baum. Mehr kann man über ihn nicht sagen. Aber auf welche Weise zum Beispiel die Zeit auf einen Baum einwirkt, das weckt mein Interesse. Mich fasziniert das Experiment des andauernden, sozusagen wim- pernlosen Sehens. Oder ich lasse mich einfach von einem Menschen, von einem Baum oder von einem Ereignis verführen.

Ich gehe also in die Dunkelheit, in ein Abenteuer hinein, wenn Sie so wollen. Es handelt sich nicht um einen Entschluss. Es ergab sich, dass ich ein Jahr lang den gewaltigen Baum in meinem Garten nicht verließ, um jeden Tag seine Veränderung mitzuerleben. Im Grunde handelte es sich um einen unvorhersehbaren Prozess der Erkenntnis. Aus meinem Umgang mit der Dunkelheit habe ich sehr viel gelernt über meine Grenzen, nicht über die Grenzen der Fotografie an sich, sondern über die Grenzen meines Fotografierens. Die Realität in der Zeit und wie sich die Zeit durch Licht zeigt, das ist es, was mich umtreibt.

1993 hatte ich einen Infarkt und wurde wieder belebt. Danach lebte ich in einer ganz großen Stille auf meinem Hof neben dem großen Baum, auf den ich von meinem Schreib- tisch aus blickte. Ohne dieses Erlebnis des klinischen Todes hätte ich nie damit begonnen, den Baum zu fotografieren. Auch geschah es am Anfang keineswegs in der Absicht, die Bilder mit dem Text zu verbinden. Vielmehr war mein Anliegen, den Baum ein Jahr lang nicht zu verlassen.

Reif Planen Sie für die nächste Zeit einen weiteren Bild-Text-Band, und was wird sein Thema sein?

Nádas Ob es ein Bild-Text-Band werden wird, kann ich im Augenblick noch nicht sagen. Ich habe bereits einige Bildreihen fertig, die ich unter das Motto »Aufleuchtende Details« oder »Leuchtende Details« gestellt habe. Das hat wiederum sehr viel mit Kontemplation, mit einer besonderen Art von Denken zu tun, ein Denken, das kaum wahrnehmbar ist und über das noch seltener geschrieben wird. Es handelt sich dabei um Bilder, die ganz zufällig auftauchen und die wir auch nicht einordnen können. Wir wissen nicht, ob wir diese Bilder selbst entwickelt oder sie irgendwo schon einmal gesehen haben, ob es sich um Bilder aus Bildern handelt oder Bilder aus Träumen, die mit anderen, gesehenen Bildern ineinander- fließen, bei denen wir aber auch nicht die Zeit oder die Möglichkeit haben, über sie nach- zudenken – wir vergessen sie einfach. Durch diese plötzlich aufleuchtenden Gedanken werden wir an etwas erinnert, woran wir uns nicht erinnern wollen.

 

Erschienen in Kafka. Zeitschrift für Mitteleuropa. 10/2003 Markt

Veröffentlicht bei HuBook.de mit Erlaubnis von Péter Nádas und Ingke Brodersen, Chefredakteurin der Zeitschrift Kafka.

2010 ist das Buch von Péter Nádas erschienen.
Péter Nádas: Schatten an Mauern. Photographien aus dem Zyklus Aufleuchtende Details und ein Romanauszug. Verlag Thomas Reche, Neumarkt 2010, ISBN 978-3-929566-88-8.