Noémi Kiss zu ihrem Buch „Schwarz-Weiß“ im Gespräch mit narancs.hu / Auszüge
Das Gespräch ist erschienen bei: magyarnarancs.hu/konyv/elorevetiti-az-irodalom-jovojet-78429. Das Gespräch führte Bence Svébis

In den meisten Aufsätzen erwähnst du die Bücher Der eigene Tod und Etwas Licht von Péter Nádas. Warum hältst du diese beiden Werke für so wichtig?

Literarisch ist Der eigene Tod interessanter, da es sich bei Etwas Licht um eine autobiografische Rekonstruktion handelt, bei der Nádas seine Foto-Arbeiten und aus dem Familienarchiv ausgesuchte Fotos zusammengesammelt hat. Bei Der eigene Tod ist jedoch furchtbar interessant, in welchem metaphorischen Verhältnis Fotografie und Text stehen. Denn es ist kein illustratives – der Autor illustriert mit den Bildern nicht den Tod, sondern sucht mit der Fotografie nach einer anderen Möglichkeit der Narration: dreihundertfünfundsechzigmal hat er den in seinem eigenen Garten stehenden Birnbaum fotografiert. Wie sich das Foto zum Text paart, halte ich für sehr schön und originell. Für dramatisch, ergreifend. Er hat eine neue Sprache gefunden, sie an die Seite der konventionellen literarischen Sprache gestellt. Das ist meiner Ansicht nach eine große Sache und projiziert auch die Zukunft der Literatur. Die Texte kämpfen, konkurrieren schon seit langem mit den Bildern. Nádas hat eigentlich versucht, Begriffe zu beschreiben, in seinem Bildband versucht er, den Weg zwischen Leben und Tod durch seine eigene Erfahrung darzustellen, und die Fotografie hat er sehr geschickt hineingehoben, zu einer abstrakt begrifflichen Fotografie abgeändert, was sie vollkommen aus der angewandten Gattung heraushebt. Gleichzeitig versucht Nádas, die Fotografie auch auf diese nicht alltägliche, metaphysische Ebene zu heben, das ist ein schönes Experiment. Unter diesem Gesichtspunkt ist auch das neue Buch von Attila Bartis A csöndet úgy [Die Stille so] interessant, das eine ähnliche Sache macht: Es beschäftigt sich auch mit der Fotografie als Kunst, der Schriftsteller macht Bilder also nicht nur anstelle einer Autobiografie, sondern stellt auch Fragen zur Fotografie, was sie ist, was sie darstellt, ob man Gott, den Tod darstellen kann.

In einem Aufsatz sprichst du eingehend über vier weibliche autobiografische Bücher. Warum ist deine Wahl gerade auf die Autobiografien von Frauen gefallen? Inwiefern stehen sie der Fotografie näher als Texte von Männern?

Dieser Aufsatz ist eigentlich wegen Magda Szabó entstanden, denn irgendwann Ende der 90er Jahre hat der Verlag Európa Kiadó begonnen, ihr Lebenswerk herauszugeben, und diese Reihe fiel mir deswegen auf, weil die Bücher jeweils mit dem Porträt der Schriftstellerin schlossen. Ich begann, darüber nachzudenken, warum Frauen auf dem ganzen Cover gezeigt werden. Damit die Bücher besser gekauft werden oder weil sie selbst, ihr Gesicht das Emblem für ihren eigenen Namen ist? Und wie selten das bei Männern vorkommt. Diese Bücher haben keine besondere Beziehung zur Fotografie, ich wollte über Autobiografien von Frauen schreiben und dieser fotografische Aspekt paarte sich dazu. Die männlichen Autobiografien sind vorab produzierte Rezepte, gleichzeitig aber sind sie die authentischen, die Literaturgeschichte ist voll mit ihnen, das Leben der Männer interessiert uns. Die Frau existiert in der Literaturgeschichte in der Rolle der Ehefrau und Hausfrau. Deshalb hat mich interessiert, wie sich die Frauen darstellen, die die Möglichkeit zum Schreiben einer eigenen Autobiografie bekommen. Auch das sollte eine kleinere Emanzipation in meinem Buch erfahren, so wie die Fotografie. Damals erschien – somit habe ich sie dazu genommen – die Biografie von Hillary Clinton, mit dem eigenen Foto auf der Titelseite. Ich war furchtbar enttäuscht. Denn auch die war nach einem vorab produzierten Rezept geschrieben, schon das Bild auf dem Umschlag war recht aufdringlich. Eine sehr herkömmliche Fotografie.

Aus dem Deutschen von Éva Zádor