Edina Szvoren: Joik


Das Beben unseres Hauses weckte mich: Ein gelber Bagger biss aus einem Gebäude auf der ungeraden Straßenseite Stücke heraus. Auf meinem Fensterbrett klapperten die trocknenden Pfirsichkerne aneinander, das Glas des reproduzierten Bildes mit dem Einhorn zitterte. Morgens steckte ich gewöhnlich die Schlafkrümel in eine Streichholzschachtel, jetzt aber sprang ich aus dem Bett und stellte mich unter die aufflammende elektrische Leitung. Die Flamme verlor bald ihre Farbe, wurde schmaler, und dann hörte auch das Knistern in der Wand auf. Vom Starren nach oben verspürte ich ein Stechen im Nacken. Die gelbe Arbeitsmaschine hatte übrigens nicht nur die ungeerdete Stromleitung durchgerüttelt, sondern auch die Tiere verstört: Die Katzen aus den oberen Stockwerken rannten ins Erdgeschoss, wo das Beben des Gebäudes weniger zu spüren war, und ein Zaunkönig, den es zu uns auf den Hof verschlagen hatte, schnappte knarrend nach Luft, als hätte er sich an einem Käfer verschluckt.

Wegen des Kurzschlusses konnte ich das Warmwasser aus dem Boiler nicht benutzen, so vergrub ich, als wüsche ich mich, mein Gesicht in den Händen. Mein Zahnfleisch massierte ich statt des Zähneputzens, dann rieb ich meine Nasenspitze schön rot und packte mich auch gründlich an die Ohrläppchen. Es war, als würden die kalten Ohrläppchen jemand anderem gehören, und da fiel mir ein, dass ich von jemandem geträumt hatte, der irgendwo im Norden lebte – in Oslo, wenn Oslo in Schweden wäre. Ich erinnerte mich verschwommen an weiß gestrichene Holzveranden, wohl kaum aus dem Traum.

Auf der einzigen funktionierenden Flamme meines Herdes kochte ich Kaffee, und dabei hörte ich den auf dem Hof jaulenden Katzen zu. Ich machte auch eine kleine Portion Milch warm. Im Haus wohnte ein Terrier, aber angeblich auch eine putzige Ginsterkatze – Genetta genetta, wie man sagt. Mein Kaffee war bitter, denn Zucker konnte man schon seit zwei Monaten nur für sexuelle Gegenleistungen kaufen. Ich faltete eine Illustrierte auf, und es schien, als hätte ich mich endlich an das Fehlen der blauen Farbe gewöhnt. Das Bild stellte ein ruhendes Einhorn dar, mit einem reich gefüllten Obstkorb zu seinen Beinen. Ich las die Buchstaben, aber es wollten keine Sätze entstehen, da ich ständig an den vergessenen Traum denken musste. Mit dem Daumen fischte ich die Milchhaut aus dem Kaffee und ließ sie wie eine Eidechse in meinen Mund hängen.

Das Haus erbebte immer wieder aufs Neue. Die langen Blätter meiner Fingeraralie wippten wie die Zeigefinger der Postfräulein, das eine Blatt segelte sogar vergilbt zu Boden. Hatte der Bagger einmal angefangen, dann wussten wir, er würde bis zum Abend nicht wieder aufhören. Auf der ungeraden Seite stand nur noch dieses eine ebenerdige Gebäude, an der Fassade hielten einander zugeneigte Figuren ein Reagenzglas. Das Gebäude wurde als Medikamentenlager genutzt, und jetzt war geplant, an seiner Stelle ein flottes modernes Gebäude zu errichten. Der Bagger naschte schon seit Wochen an dem Haus, aber irgendwie wollte es einfach nicht verschwinden. Die eine Hälfte der Fassadenseite war noch vollkommen unberührt, unter der Regenrinne reihten sich graue Buchstaben, von denen die Arbeiter die Akzente schon vor Monaten abgebrochen hatten. Um kein böses Wort auf das Haus kommen zu lassen – witzelte ich.

Ich machte die Zeitung zu und ließ sie in die leere, nach Sägespänen riechende Schublade gleiten. Schnell zog ich mir ein paar Kleider über, damit ich den Kurzschluss so rasch wie möglich melden konnte. Die Decke zitterte, über meinem Kopf schaukelte langsam der Leuchter. Vorsichtig, damit der aus drei Stücken zusammengeknotete Schnürsenkel nicht riss, schlüpfte ich in meine Schuhe, zog die Socken etwas hoch und nahm meinen mit ein wenig Wohlwollen auch als Grau zu bezeichnenden schwarzen Regenschirm in die Hand. Seit einer gewissen Zeit war die suggerierte Farbe grau. Aus einer der Wohnungen drang das Winseln des Terriers – oder vielleicht der putzigen Ginsterkatze – herüber, sicher war ich nicht die Einzige, die stirnrunzelnd horchte. Einmal hatte ich versucht, den Grundriss des Hauses zu Papier zu bringen, aber dann riss ich ihn kleiner als Suppennudeln, damit mich keiner, der den Müll vielleicht durchstöberte, verraten konnte.

Aber ich habe doch geträumt – fiel mir auf dem Weg die Treppe hinunter ein und mir wurde vor Verlangen ganz schwindlig.

Ich öffnete den Briefkasten, auf den man meinen Namen ohne Akzente geschrieben hatte (das heißt, man hatte mir ein Fläschchen briefkastenfarbenen Nagellack in die Hand gedrückt, und ich übermalte die Akzente), aber dann machte ich ihn schnell wieder zu, denn die über verschiedene Lebensmittellieferungen informierenden Prospekte waren drauf und dran herauszufallen. Mittwochs konnte man auf dem alten Marktplatz gewöhnlich Kaffeepulver kaufen, freitags die begehrten Alföldi-Pantoffeln, fast für umsonst, und sonntags, weil das Wochenende der Unterhaltung gehört, Schallplatten. Eine der Katzen rieb sich an meine Wade und schaute mich mit einem Blick an, für den ein Mensch, würde er so schauen, ins Gefängnis käme. Ich beugte mich zu ihr hinunter, um ihr Fell zu streicheln – dabei wusste ich, dass man mich beobachtete , so fiel mir plötzlich eine Szene aus dem Traum ein.

Ein kleiner Spaziergang wird mir gut tun, dachte ich und öffnete den Schirm über meinem Kopf.

Die Arbeiten wurden gerade unterbrochen: Der gelbe Bagger stützte seine Schaufel auf die mit Schutt bedeckte Erde, der Arbeiter hockte auf der Raupenkette. Er löffelte aus einem Kefirbecher, was ganz bestimmt kein Kefir sein konnte, und dabei ließ er die Beine baumeln. Als ich bemerkte, dass die Gesichtshaut des Arbeiters zunehmend dunkler werdende Flecken hatte, drehte ich den Kopf weg, damit er mich nicht ansprach, und versuchte hinter meinem Schirm in Deckung zu gehen. An der abgerundeten Straßenecke hielt mich der Verkehr auf, und ich wartete geduldig auf einen sich im Lastwagenverkehr bietenden Spalt. Als es eben möglich war, eilte ich auf die andere Seite hinüber. Die Lastwagen fuhren alle in Richtung Norden, ich blickte ihnen mit schmerzvoller Miene nach. Manche hatten hellblaue Planen, und auf einigen Nummernschildern reihten sich die Buchstaben mit Akzenten. Ich spuckte auf den rissigen Asphalt und entschied, meinem Traum auf den Grund zu gehen.

Ich würde jemanden bitten, mich zu umarmen, vielleicht fiele mir so etwas ein.

Beim Kundendienst warteten schon viele – es schien, die Leitungen waren nicht nur bei mir durchgebrannt. Weiche Teppiche dämpften die Geräusche, glänzend geschliffene Marmoroberflächen versprachen eine glatt laufende Sachbearbeitung. Ich machte meinen Schirm zu, zog eine Nummer und nahm den mir angebotenen Sitzplatz an. Der Sessel mit den schwarzen Armlehnen stützte mein Kreuz in angenehmer Weise. Ich schaute mich um. Manche sprachen über die Unerbittlichkeit der Postfräulein, zwei kleine Kinder aber grübelten darüber nach, ob ich ein Mann oder eine Frau sei. Sie trauten sich nicht, offen zu fragen. Als ich mir die Augen rieb, fielen mir mit klopfendem Geräusch harte Schlafkrümel in den Schoß.

Später trat ein grau gekleideter Aufseher zu mir: Sich herunterbeugend machte er mich darauf aufmerksam, es sei nicht erlaubt, den Schirm mit in den Kundenbereich zu nehmen. Er fasste mich am Ellbogen und half mir so aus dem tiefen Armsessel auf, dann führte er mich zum Schirmständer, als wäre ich blind. Er wartete, bis ich meinen Schirm zwischen die anderen geschoben hatte – bei allen stand das Horn nach unten , dann drehte er sich weg. Ich war ihm dankbar, dass er keine Bemerkung über die Farbe meines Schirmes gemacht hatte.

Nun kam ich an die Reihe. Eine Sachbearbeiterin schob meine Akten mit ihren kleinen Händen über den kalten Marmorschalter. Während die Maschine arbeitete, hatten wir die Gelegenheit, uns anzulächeln. Meine zitierten lateinischen Redewendungen schien das Fräulein zu kennen, manche beendete es, indem es im Rhythmus nickte. Es stellte sich heraus, dass ich meine Angaben erneuern musste. Auf dem mit einem Wasserzeichen versehenen Blatt, das sie vor mich hinschob, saß ein Einhorn auf seinen Hinterbeinen, und ich musste ihm die Antwort auf die Frage, ob ich Kinder hätte und wenn nicht, ob ich welche plane, geradewegs auf die Stirn schreiben. Ich sah, dass das Fräulein meine Antworten überflog, bevor es das Blatt in das Dossier einordnete. Ich habe keine Ahnung, warum mir da eingefallen sein mochte, dass ich in diesem Traum die Hand auf das Gesicht einer lappischen Frau geschmiegt hatte. Danach hob das Fräulein den Blick, sah mich an, legte seine schmale Hand zart auf die meine und munterte mich auf, ich hätte eine ernst zu nehmende Chance, dass die Stromversorgung schnell wiederhergestellt würde. Als ich schon glaubte, wir seien fertig, schob sie den Bürosessel zurück, stand auf und sagte an ihrem Jabot fingernd: ich möge die taktlose Frage verzeihen, aber ob ich genügend Zucker hätte. Meine Verlegenheit wusste ich nicht zu verbergen. Ich nickte und machte kehrt.

Mit unangenehm widerhallenden Schritten eilte ich nach Hause. Die Lastwagenfahrer – sie mochten mich als Hure ansehen – waren dieses Mal so gnädig abzubremsen und anzuhalten. Beim Anblick ihrer prall aufgeblasenen, angeschwollenen Reifen packte mich die Schwermut. Der gelbe Bagger arbeitete wieder, und da es niemanden gab, vor dem ich in Deckung gehen musste, bemerkte ich erst zu Hause, dass ich meinen unregelmäßig gefärbten Schirm beim Kundendienst gelassen hatte.

Aber ich habe doch einen Traum gesehen, einen Traum. Zu Hause schlug ich als Erstes das große Wörterbuch auf. Vom kalten Kaffee wurde ich nervös. Der Wortartikel zu den Lappen war leer, nur ein zum Einhorn stilisierter Pfeil verwies auf den letzten Band des Wörterbuchs, der jedoch seit Jahren nicht zu bekommen war.

An meiner Tür kratzten Krallen, ich stand auf, um nachzusehen, was das war. Ich öffnete die Tür ganz weit, und es huschte ein Tier mit geflecktem Fell herein, vermutlich die Ginsterkatze. Ohne sich umzusehen eilte sie in mein Zimmer, mit ihrem langen Schwanz fegte sie die Staubmäuse unter die Schränke und ließ sich unter dem einzigen Sessel in der Wohnung nieder. Ihre Vorderpfoten platzierte sie mit pedantischer Parallelität vor sich, den mit hellen Ringen gegliederten, weichen Schwanz rollte sie um ihren Körper und schaute mich an. Schau nur, schau, Genetta genetta. Noch immer atmete sie heftig, entweder vom Treppensteigen oder vor Schreck. Wenn es stärker bebte, drehte sie sich mit zu Schlitzen verengten Pupillen zum Fenster und wackelte, wie mein einstiger Musiklehrer, mit den Ohren. Im Blick der Ginsterkatze war nichts Feindseliges, und doch hätte ich nicht ausprobieren wollen, ob sie mir wohl arglistig in die Achillessehne beißen würde, wenn ich mich in den Sessel setzte. Ich schleppte mein Wörterbuch zum Tisch und begann eher planlos, darin zu blättern. Die alphabetische Anordnung fehlte mir nicht mehr. Die putzige Ginsterkatze störte, wie ich sah, das Knistern der trocknenden Pfirsichkerne immer weniger. Ich nippte an meinem Kaffee. Das Wörterbuch brachte die Illustrationen und die zu den Illustrationen gehörenden Kommentare aus Vorsicht getrennt, aber eines der Fotos erinnerte mich an die lappische Frau aus meinem Traum. …Wir saßen in einer grünen Straßenbahn, und die Lappin – die Lappen sind alle kleinwüchsig baumelte mit den Beinen. Hatte ich mich vorgelehnt? Die Lappin hatte eine mit Fischtran gepflegte, makellose Haut, und sie erlaubte, dass ich meine Hand an ihr Gesicht schmiegte. Ein wenig neigte sie dabei vielleicht sogar den Kopf. Auf der einen Seite des Wörterbuchs sah ich eine weiß gestrichene Holzveranda, und ich erinnerte mich immer mehr an meinen Traum. Die Lappin hatte gefragt, ob ich ein Mann oder eine Frau sei, und nachdem ich geantwortet hatte, bat sie mich, den Signalknopf zu drücken, da sie bei der Schlittschuhbahn aussteigen wolle, doch der Knopf zu weit oben sei. Ich kam ihrer Bitte nach, sie aber stieg aus und fuhr mit ihren Schlittschuhen davon.

Da erzitterten meine Fensterscheiben in dem lockeren, lückenhaften Kitt. Die Ginsterkatze riss den Kopf hoch und sah mich vorwurfsvoll an, als wolle sie sagen: ich hätte aber etwas anderes versprochen. Ich schob das Wörterbuch zur Seite, stand auf und stellte beim Blick aus dem Fenster fest, dass der gelbe Bagger aus Versehen ein Stück aus dem hinter dem einstigen Medikamentenlager stehenden Gebäude herausgebissen und hinter dem zerfallenden Mauerteil jetzt einen Mann dabei erwischt hatte, wie er seinen Zeigefinger aus dem Nasenloch riss. Ich beugte mich zu der verängstigten Ginsterkatze hinunter – der Leuchter schaukelte und ich wühlte vor den Augen der auf dem Balkon des gegenüberliegenden Hauses Stehenden in ihr gesträubtes Fell. Ich schaltete die Stehlampe neben dem Sessel an, aber es gab noch immer keinen Strom. Merkwürdig, dass es gerade in dem Moment klingelte.

In der Tür stand eine Frau im grauen Seidenkleid, wie ein Strommast. Beim Klopfen ihrer hochhackigen Schuhe schauten meine Nachbarn auf den Flur hinaus, der Terrier begann zu kläffen. Mein Personengedächtnis ist schlecht, trotzdem erkannte ich, dass es sich um das Fräulein vom Kundendienst handelte. Mit nachträglicher Erlaubnis habe sie mir den Schirm gebracht, den ich im Ständer vergessen hätte. Das sagte sie bereits in meiner dunklen Diele. Ich traute mich nicht zu fragen, wie sie meinen Schirm erkannt hätte, denn nachdem sie ihn mit seinem Blitzableiter nach unten in eine Ecke gelehnt hatte, sah sie mich forschend an. Und woher wissen Sie, wo ich wohne? Erst jetzt wurde ich darauf aufmerksam, dass sich bei dem Fräulein weder eine Tasche noch eine Strickjacke oder ein Dossier über ihre Blutgruppe oder darüber, welche Sprachen sie spricht, befand. Lassen Sie mich rein? Ich nickte.

Die grau gekleidete Frau wandte den Kopf mit unverhüllter Neugierde hin und her, sie schaute sich die Bilder an der Wand an, beim Anblick des reproduzierten Bildes mit dem Einhorn zog sie die Augenbrauen in eckigem Bogen hoch, mit der Fingerkuppe strich sie über die furchige Oberfläche eines Pfirsichkerns. Von Verwandten? – fragte sie. Ja, erwiderte ich stolz. Sie blieb beim großen Wörterbuch stehen, blätterte hinein. Sie bat um Erlaubnis, auch die Schublade öffnen zu dürfen, aber nachdem ich meine Arme ausgebreitet hatte – bitte sehr , interessierte es sie nicht mehr. Sie setzte sich in den Sessel, wonach es mir davor graute, die Ginsterkatze könnte meinen Besuch in die Wade beißen.

Ich setzte mich an den Tisch, auf den Stuhl mit dem fehlerhaften Bezug. Der Blick meines Besuchs stützte sich mal auf mein Hemd, mal rutschte er auf meine zerschlissenen Hausschuhe. Sammeln Sie? – fragte sie. Auf mein Kopfschütteln hin zog sie trotz allem eine Miniatur aus der Jackentasche hervor. Sie erwartete, dass ich aufstand und die Jungfrau, auf deren Schoß sich ein lammgroßes Einhorn zusammenrollte, aus ihrer Hand betrachtete. Das blassgelbe Kleid ließ die Schulter der Jungfrau frei, die Haarflut setzte sich im Hintergrund des Bildes als Kletterpflanze fort. Das vom Gemetzel erschöpfte Einhorn zeigte sich zahm, der leicht geöffnete, blutbefleckte Mund verzog sich zu einer weinerlichen Miene. Dann gab mir der Besuch zu verstehen, ich könne mich wieder setzen.

Unsere Unterhaltung beschränkte sich nicht auf die Akzente, auf die Allmacht der Postfräulein oder die Augenerkrankungen. Beide kannten wir Menschen, die in der Lage sind, sich auch am nächsten Tag noch an einmal gesehene Gesichter zu erinnern. Beide sprachen wir Fremdsprachen. Beide mochten wir Ballspiele. Wir mochten aus Walfischtran hergestellte Gesichtscremes. Und vor allem, das Fräulein verstand sich darauf, wie man die Träume auskundschaften muss, an die sich der Träumer selbst nicht mehr erinnert. Die Lappinnen singen Joiks – informierte sie mich. Ihre hochgezogene Augenbraue erinnerte an die südliche Fußgängerbrücke.

Es wird dunkel – bemerkte die Frau im Seidenkleid, und das ernüchterte mich. Es klapperten die gewürdigten Pfirsichkerne und das Glas des reproduzierten Bildes mit dem Einhorn, der Leuchter schaukelte. Ich traute mich kaum die unter dem Sessel kauernde Ginsterkatze anzuschauen. Die Augen des Tieres bewegten sich hin und her wie der Wagen einer Schreibmaschine. Sie hatte Angst, die Genetta genetta, und das machte auch mir Angst. Ich hatte Angst, sie würde beißen und mit ihren scharfen Schneidezähnen die Nylonstrumpfhose der Frau zerreißen. Ich schwieg nur, als die grau gekleidete Frau sagte, ihre Vorgesetzten seien manchmal unberechenbar. Es komme vor, dass sie den Strom wochenlang, ja sogar monatelang nicht wieder einschalteten. Dabei wird es dunkel, betonte mein Besuch. Sie stand auf – die Ginsterkatze begann, sich verzweifelt zu putzen und zog an der Zugschnur der Stehlampe: nichts. Sehen Sie? Die Frau ging hoch aufgerichtet durch das Zimmer, die hohen Absätze ihrer Schuhe stieß sie in meinen ohnehin nicht makellos lackierten Parkettfußboden. Es machte ihr sichtlich nichts aus, dass ihr Hintern und ihr mit seidiger, dunkler Haut überzogenes Wangenfleisch bei jedem Schritt wie Sülze erzitterten. Die Frau machte unmissverständlich klar, dass sie die Möglichkeit hätte, ihre Vorgesetzten zur Einsicht zu bringen, doch ich stierte nur missmutig vor mich hin. Die Ginsterkatze zog Schwanz und Ohren ein und schaute mich verschwörerisch an. Ich hatte das Gefühl, sie seit Jahren zu kennen. Ich werde ihre Zuneigung schon zu gewinnen wissen, dachte ich. Mein Besuch ging währenddessen immer wieder im Kreis um den Schreibtisch. Zur Bestechung der Frau animierte mich nicht einmal, dass bei bestimmten Bewegungen das mittwochs zu bekommende Parfum aus dem engen Kleiderärmel ausströmte. Ich habe mich nie als ein gezähmtes Einhorn empfunden, erklärte ich so neutral wie möglich. Ich habe geträumt, fiel mir ein.

Die Frau mit dem Seidenkleid hörte daraufhin auf herumzugehen und richtete ihre großen, amtlichen Augen auf mich. Sie verstehe nicht, wovon ich spräche, sagte sie. Mit ihrer rechten Hand ertastete sie dennoch die sich in ihrer inneren Tasche bergende Miniatur, sie knöpfte die Seidenjacke mit dem Jabot zu und eilte mit weicheren Schritten als bisher in die Diele. Ich solle die Stromleitungen erden lassen, riet sie mir. Während sie sich an der Klinke der Eingangstür festklammerte, fragte sie, was für ein Vogel auf dem Hof kreische und ob ich ein Mann oder eine Frau sei, dann klapperte sie über den Rundgang und verschwand. Ich rieb mich hinterm Ohr.

Plötzlich erbebte das ganze Haus. Zuerst glaubte ich, die grau gekleidete Frau hätte das Tor zugeschmissen. Die Genetta genetta zog sich mit starrem Blick weiter in den Schatten unter dem Sessel zurück. Die Pfirsichkerne fielen vom Fensterbrett, die falschen Edelsteine des Leuchters konnten nicht aufhören zu baumeln. Meine Fingeraralie wurde aus dem Boden gerissen. Ich ging zum Fenster. Die riesige Schaufel des gelben Baggers stürmte auf die Fassade des einstigen Medikamentenlagers ein, die akzentlosen Neonbuchstaben fielen einzeln hinunter. Die Scherben des Gipsreagenzglases vermischten sich mit dem gewöhnlichen Schutt. Der Arbeiter mit dem fleckigen Gesicht drehte triumphierend seinen Kopf hin und her, als ein Schornstein des benachbarten Hauses vor die Nase des Baggers hinunterstürzte.

Es war ein schwerer Tag. Durch das Reiben hinterm Ohr roch meine Fingerspitze nach Phosphor.

Der Arbeiter machte den Motor aus, er trat die gelbe Tür auf und erleichterte sich im Sitzen. Dann warf er sich seinen aus Rindermagen gefertigten Sack über die Schulter und stapfte in Richtung der südlichen Fußgängerbrücke fort.

Es tat mir gut, laut zu seufzen. Ich schüttete Wasser in eine früher als Schublade benutzte eckige Schüssel und schob sie in den Schatten unter dem Sessel. Erschrocken schnüffelte die Ginsterkatze blinzelnd an dem stinkigen Leitungswasser. Ich rieb mir die Augen – draußen war es heller als im Zimmer , die trockenen Schlafkrümel zerkratzten meine Finger. Ich habe geträumt, ich habe geträumt. Die Lappen erreichen die nach den Südnorwegern bemessenen Griffe und Signalknöpfe in den Straßenbahnen, die Münzöffnungen in den öffentlichen Telefonzellen nicht. Sie schnallen sich Kufen an die Sohlen, wenn sie einkaufen gehen (so sind sie ein wenig größer), und da die Inari-Lappen die Lule-Lappen nicht verstehen, sind sie unendlich einsam. Ich konnte die Nacht kaum erwarten. Das nächste Mal steige vielleicht auch ich bei dieser Schlittschuhbahn aus.


Aus dem Ungarischen von Éva Zádor