György Spiró: Für dich geträumt [Álmodtam neked]


Utopie

Es war eine Sommernacht, eine sonderbare Sommernacht: der gerade aktuelle Weltkrieg war kurz zuvor beendet worden, die Überlebenden waren glücklich mit Aufbau oder Rache beschäftigt, die Toten lagen gleichgültig als zerstreute Knochen herum und dachten nicht einmal annähernd daran, auferstehen zu wollen. Dies war ein Krieg, nach dem in den zerbombten Städten zufällig noch einige Gebäude stehen geblieben waren; neben der Petroleumlampe mit dem Metallspiegel lagen auf dem massiven, für mehrere Generationen gefertigten, guten alten Tisch Pläne für den Wiederaufbau und Protokollbücher von Rechtfertigungsausschüssen. In diesen standen die Urteile, wer als Kriegsverbrecher befunden worden war und wer nicht, wer wie und durch wie viele Zeugen nachweislich Widerstand geleistet, nicht teilgenommen oder potentielle Opfer bei sich versteckt hatte. Dort lag auch die Liste der für die Fabriken notwendigen Rohstoffe, Fabriken, die erneut das Gleiche wie vor dem Krieg produzieren wollten; an die Rohstoffe konnte man in den ersten Monaten nach Ausbruch des gerade aktuellen Friedens durch List, Flehen, Drohen, Schwarzhandel gelangen, so wie am Anfang jedes Friedens. Was mag noch auf dem Tisch gewesen sein? Gekochte Eier, höchstens zwei, vielleicht eine Scheibe Brot, der Rest der pro Kopf zustehenden Tagesration von 400 Gramm und wahrscheinlich noch etwas Melasse und Salz. Vielleicht lagen in dieser sonderbaren Sommernacht die gesamten 400 Gramm Salz auf dem Tisch, denn es war ja Monatsanfang; das Salz war wohl in Zeitungspapier verpackt, denn die Zeitungen erschienen, da es nun Frieden war, ebenso täglich wie im Krieg.
    Am Küchentisch saß ein Überlebender und da er ein ehemaliger Verfolgter war, stellte er nun genaue Berechnungen über die Zukunft an, die bei jedem Friedensbeginn planbar scheint. In dieser außerordentlichen, friedlichen Sommernacht Anfang August konnte man folgende Gegebenheiten als Kalkulationsgrundlage heranziehen: ein Kilo Mehl kostete 30 Pengő, ein Kilo Zucker 450, ein Liter Öl 240, ein Kilo Kartoffelzucker 600, ein Ei 9 und ein Liter Dickmilch bekam man auf dem Garay-Platz, dem günstigsten Markt der ebenfalls gegebenen und nicht vollkommen zerstörten Hauptstadt, für 28 Pengő. Eine weitere Gegebenheit waren die 480 Pengő Monatslohn des grübelnden Überlebenden. Der Überlebende saß in der Küche, unter dem mit Zeitungspapier beklebten, zum Lichthof blickenden Fenster. Er trug eine runde Brille mit Drahtgestell, der Vorkriegsmode entsprechend, die Zeitung am Fenster war bereits ein Produkt des neuen Friedens; er zeichnete mit einem Bleistift Zahlen auf die vor ihm liegenden Papiere, zeichnete sie mehrmals langsam nach, sie wurden immer dicker und schließlich kaum noch entzifferbar. 480 Pengő. Davon müssten sie leben. Das ist durch zwei teilbar. Aber auch durch drei.
    Zu jedem Friedensbeginn backen die Bäcker für den Schwarzmarkt, die für die Kinder zentral zugeteilte Milch wird gestohlen, nachts werden die Passanten von Banden ausgezogen, die bewaffneten Trupps auf dem Land verlangen für den für die Hauptstadt bestimmten Lieferungen Zoll, einige der Menschen, die vor den Läden anstehen, singen noch die bereits verbotenen Kriegslieder, ein Teil der deportierten Mörder wird fürs Wochenende nach Hause gelassen, die tüchtigeren unter ihnen werden bald in die Friedenspolizei übernommen, denn in solchen Zeiten entsteht in jedem anständigen Beruf Arbeitskräftemangel. Und wie es in dieser Gegend meist geschieht, wird nichts aus den für die Überlebenden der Todeslager eingeleiteten Sammelaktionen; sie werden aus den zweckgerecht eingerichteten Lagern, wieder in Rinderwagons, diesmal jedoch nach Hause transportiert; die peinlicherweise Übriggebliebenen werden in den zunächst leer stehenden und erst nach einigen Friedensjahren überfüllten Irrenanstalten aufbewahrt, bis zur nächsten Sanierung.
    Wie zu jedem Friedensbeginn gab es jedoch auch genug Posten in der anderen Spalte, die Posten der Hoffnung. Der Überlebende stellte mit wahrer Freude fest, dass man sehr gut  auskommen konnte ohne Möbel und Essbesteck, die er und seine Frau, in den gefährlichen Zeiten mit dem Gedanken des Überlebens spekulierend, nicht verfolgten, ehrlichen Menschen anvertraut hatten, die nun aber alles bestritten. Und bald sollte ja, wie es die Zeitungen berichteten, in das besagte Land, wie stets in die jeweiligen untergeordneten Länder, aus der Heimat der als Befreier agierenden Truppen Kartoffelzucker geliefert werden, den man dann für nur 300 Pengő werde kaufen können. Außerdem war ja auch eine Verordnung erlassen worden, dass die Bauern von nun an jährlich 540 Liter Milch pro Kuh und zusätzlich ein Kilo Schafskäse abgeben mussten. Allein die Tatsache, dass man auch schon in Friedenszeiten Verordnungen erlassen konnte, stimmte einen zuversichtlich. Und wenn man nur ein Drittel der Forderungen würde eintreiben können, so bedeute dies bereits den Sieg über das nach jedem Krieg, bei jeder Befreiung drohende Gespenst der Hungersnot. Wenn es auch nicht so viel Lebensmittel geben würde wie in den Kriegsjahren, so entschädige einen dafür der Frieden. Der Frieden, nach dessen Ausbruch junge, reine Gesichter und offene Blicke unter den Trümmern, aus dem Nichts hervorkommen würden; es würden hoffnungsvolle und unschuldige Menschen auftauchen, voller Sehnsüchte und mit einer von historischem Ballast freien Ideologie in ihren Köpfen; und auch wenn es im Winter noch ein wenig kalt sein werde, denn die Kohlepreise hatte man ja gerade wieder erhöhen müssen, so sei es nicht so schlimm, und wer denke denn überhaupt an den Winter, schließlich war es eine Sommernacht und Frieden und es schien so sicher, dass durch den Vollzug der Verstaatlichung, einer der Leitideen des gerade aktuellen Friedens, auch die Kohlepreise sinken würden und es nie wieder eine Inflation geben würde.
    Es geschah ein Wunder. Dies sah man in der zertrümmerten Stadt täglich. Die Menschen arbeiteten und waren glücklich, weil sie nichts davon wissen wollten, was war und sich nicht erinnern wollten, sie wollten das Leben ganz von vorn beginnen, ein Leben, wie es noch nie eines gab, was noch keiner anderen Generation vor ihnen, zu keinem früheren Friedensbeginn zuteil geworden war. In der Geschichte werde es, so dachte der grübelnde Überlebende am massiven Küchentisch sitzend, mit Sicherheit nie wieder so einen Tiefpunkt geben, wie vor einigen Monaten, in den letzten Monaten des gerade aktuellen Krieges und selbst diese Schrecken hätten die, die zufällig geblieben sind, ja überleben können.
    Das Geheimnis des Wunders, das einzige Geheimnis, liegt darin, dass man nie wieder etwas Böses über den Menschen wissen darf. Egal, was geschehen ist, man muss es mit einer einzigen menschlichen Geste des Verzeihens wegwischen. Und die Zeit ist reif dafür, dass auch er sich für diese Geste entscheidet: er wird schließlich in einigen Tagen siebenunddreißig Jahre alt, er ist also nicht mehr jung genug, um sich seinem Schicksal blind überlassen zu können.
    Dass der in der Küche grübelnde, durch den Wiederaufbau erschöpfte Überlebende in jener Nacht eine Entscheidung fällte, ist gewiss. Ob er sich über die Tragweite dieser Entscheidung im Klaren war, ist fraglich. Er musste in einer Angelegenheit entscheiden, in der zu früheren Friedensanfängen nie jemand Entscheidungen getroffen hatte und in der ein Mensch niemals zuständig sein kann. Er plante die Zukunft, die Zukunft der menschlichen Spezies, wie zuvor auch andere in ihrem Rausch; er plante jedoch gleichzeitig eine menschliche Existenz. Die Entscheidung über ein zukünftiges Leben lag in seinen Händen. Ob er es ahnte oder nicht, der Akt der Schöpfung lastete auf seinen Schultern. Der Akt der göttlichen Schöpfung. Falls ihm überhaupt dieser Gedanke gekommen war, verspürte er vielleicht das verschwommene Gefühl von Gewissensbissen. Vielleicht auch nicht. Vielleicht war er in diesem Frieden, in den er plötzlich unerwartet hineingeraten war, einfach nur sehr einsam und spürte, mit verständlichem Egoismus: So einsam werde er es nicht aushalten.
    Einzelheiten der Geschichte kennt man nie genau. Womöglich suchte er sich einen Nagel oder irgendeinen anderen spitzen Gegenstand. Wahrscheinlich drehte er die Flamme der Petroleumlampe kleiner, in der ersten Zeit eines Friedens ist es ja nicht einfach, Leuchtöl zu besorgen. Wenn er dies tat, so wird er danach seine Augen eine Weile ans Dunkel gewöhnt haben. Er wird wohl lauschend durch den Flur getappt sein. Er wird die Tür leise geöffnet haben, auf Zehenspitzen durch das Zimmer gegangen sein, in dem seine Frau, die damals zweiundvierzig Kilo wog, fest schlief. In dieser Wohnung, die in einem früheren Frieden aus der verschlafenen, großzügigen, für ewigen Frieden geplanten Wohnung eines noch früheren Friedens abgetrennt worden war, konnte man durchs Zimmer ins Bad gelangen. Er wird die Badezimmertür vorsichtig geöffnet haben. Nachdem er hineingelangt war, wird er die kleine Schachtel ertastet haben, die man nach den Regeln des Friedens nur für viel Geld auf dem Schwarzmarkt beschaffen konnte.
    Er öffnete sie, nahm deren Inhalt heraus und durchstach mit dem spitzen Gegenstand im Dunkeln sorgfältig, bedächtig und entschlossen, wie er stets arbeitete, alle an die Finger von Gummihandschuhen erinnernden Utensilien.
    Dies ist ganz sicher, meine Mutter hat es mir erzählt und er errötete, als ich, unzufrieden mit der Zeit, in der ich zu leben hatte und mit der Schöpfung im Allgemeinen, ihn zur Rechenschaft zog.