Vorwort

In seinem Essay von den »Fünf Genien« beschreibt Béla Hamvas (1897–1968) die Gegend um den Plattensee als einen fast mediterranen Landstrich, wo das Sonnenlicht weißer erscheint und die Konturen schärfer werden. »Die Atmosphäre füllt sich mit Elektrizität und das Licht strahlt in die Dinge und in die Menschen (…). Nichts ist übertrieben, keine Spur von verschwitzter Anstrengung. Die Gelöstheit ist in der Gegend (…). Nicht, dass das Leben hier leichter wäre, denn der Süden ist nicht ärmer an Leiden, es hat aber eine geräumigere Perspektive.« Vielleicht war es auch diese »geräumigere Perspektive«, die die Menschen aus der DDR jährlich in immer größer werdenden Scharen an den Balaton zog, und vielleicht war es diese »Gelöstheit«, die auch den Bürgern der BRD die Gegend um den Plattensee selbst in den Zeiten des Kalten Krieges als besuchenswert erscheinen und sie jahrzehntelang zu einem der wichtigsten Orte ost-westdeutscher Begegnungen werden ließ. Aber um östlich des Eisernen Vorhangs den Balaton und Ungarn zu einem emblematischen Ort der »privaten deutschen Geschichte« werden zu lassen, bedurfte es außer dem Geist des Ortes, auch des Freiheitsgeistes seiner Bewohner. Die viel gepriesene Freizügigkeit Ungarns innerhalb des »sozialistischen Lagers«, war bei weitem nicht nur seinen Machthabern zu verdanken. Es war ein Ergebnis des im Blut erstickten Volksaufstandes von 1956, eine ins Schweigen verdrängte, verklärte und dennoch immer gegenwärtige Mahnung an die Herrschenden, den Volkswillen nicht vollends außer Acht zu lassen. So war denn auch die Entscheidung, am 10. September 1989 die Grenzen für Zehntausende von DDR-Flüchtlingen zu öffnen, keineswegs nur dem politischen Realitätssinn der Regierenden zuzuschreiben, sie war letztendlich das Ergebnis der durch die Geschehnisse des Wendejahres wachgerufenen zwingenden Kraft der Volkssouveränität. Als das Collegium Hungaricum Berlin das komplexe Projekt »Deutsche Einheit am Balaton « ins Leben rief, ging es uns um diese inhärente geschichtsformende Kraft, die im Privaten wirkt, um dann zu den großen Wendepunkten als Zeitgeschichte sichtbar zu werden. Wir wollten einen außerordentlichen, jahrzehntelang andauernden Teil der deutschdeutschen und ungarischen Geschichte anhand von persönlichen Schicksalen verdeutlichen und ihre einzigartigen Umstände ins Blickfeld rücken. Ich bedanke mich bei den Mitarbeitern des Projekts, den Redakteuren dieses Buches und vor allem bei den Zeitzeugen, die, ihre Lebensgeschichten zur Verfügung stellend, unserer gemeinsamen europäischen Historie ein lebendiges und persönliches Antlitz verleihen. 

János Can Togay, Direktor des Collegium Hungaricum Berlin